Hochsensibel? Ein Online-Test ist keine Diagnose

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Auf Grund des rasanten Informationsflusses via Internet, TV und anderen Medien, ist Hochsensibilität derzeit scheinbar in aller Munde. Gerade Online-Tests, die auf die Frage „Bin ich hochsensibel?“ abzielen, erfreuen sich großer Beliebtheit.

An dieser Stelle möchten wir darauf hinweisen, dass ein Online-Test keine „Diagnose“ darstellt. Er kann höchstens Aufschluss darüber geben, ob das eigene Verhalten dem einer hochsensiblen Person entspricht. Tests, die auf einfachen Ja/Nein-Fragen basieren, sind zudem sehr oberflächlich und lassen viel Spielraum für eigene Interpretationen.

HSP-Test auf zartbesaitet.netSollte der Verdacht bestehen, möglicherweise hochsensibel zu sein, empfehlen wir den HSP-Test auf der Webseite des österreichischen Vereins „Zart besaitet – Gesellschaft zur Förderung und Pflege der Belange hochempfindlicher Menschen“ als ersten Anhalt. Dort ist zu lesen:

„Vorauszuschicken ist, dass der Test und die gesamte Forschung über hochempfindliche Menschen (HSP) noch in den Kinderschuhen stecken, und keine der hier gemachten Aussagen als autoritär zu verstehen ist. Ein oberflächlicher Test wie der vorliegende kann immer nur Anhaltswerte liefern und ist oft nicht fähig, auf individuelle Konstellationen einzugehen.“

Bei einer Punktzahl von über 188 erhält man bei diesem Test das Ergebnis:

„Sie sind mit an Gewissheit grenzender Sicherheit eine HSP.“

Diese Aussage ist mit Vorsicht zu genießen und verhält sich zum zuvor getätigten Hinweis, der Test würde nur Anhaltswerte liefern, kontrovers.

Sollte das erzielte Ergebnis über 200 liegen und man hat das Gefühl, Hochsensibilität könnte viele Ungereimtheiten des eigenen Lebens erklären, empfehlen wir die Lektüre des Buchs „Bin ich hochsensibel?“ von der Pionieren auf dem Gebiet der Hochsensibilität, der amerikanischen Psychotherapeutin Elaine N. Aron.

Viele tatsächlich Hochsensible Personen reagieren auf die Erkenntnis, dass es eine Erklärung für ihre empfundene Andersartigkeit gibt, überaus emotional, brechen in Tränen aus oder haben das Gefühl, ihnen falle „ein Stein vom Herzen“.

An diesem Punkt angelangt stellt sich die Frage, ob wirklich eine weitere, professionelle Bewertung bzw. Expertenmeinung nötig ist oder ob die Selbsterkenntnis ausreicht, um das eigene Empfinden und die eigene Wahrnehmung besser verstehen und danach handeln zu können.

Hochsensibilität ist keine Krankheit oder psychische Störung. Hochsensibilität bedarf auch keiner Behandlung, wie etwa einer Psychotherapie (anders ist dies natürlich bei psychischen Erkrankungen wie Depressionen, SVV oder Burnout die in Folge einer unerkannten Hochsensibilität auftreten können).

Eine schriftliche Stellungnahme („Diagnose“), etwa durch einen Arzt, einen Psychotherapeuten oder auch durch einen Heilpädagogen, der sich auf das Thema spezialisiert hat, ist meist nur dann nötig, wenn sich Institutionen wie Kindergärten oder Schulen dem Thema Hochsensibiliät versperren und es zu Problemen für das Kind kommt.

Anlauf- und Beratungsstellen für hochsensible Personen und Eltern hochsensibler Kinder sind u.a. auf der Webseite des deutschen Vereins „Informations- und Forschungsverbund Hochsensibilität e.V.“ zusammen getragen.

Abschließend bleib die Frage, was man sich selber von einer offiziellen „Diagnose“ verspricht und ob das Wissen um die Gründe und Auslöser gesellschaftskontroverser Denk- und Verhaltensweisen nicht ausreicht, um den Bedürfnissen des hochsensiblen Kindes bzw. seinen eigenen entsprechend zu leben.

4 thoughts on “Hochsensibel? Ein Online-Test ist keine Diagnose

  1. Nach einer gescheiterten Beziehung landete ich erst in einer Klinik wegen Depression und mache danach eine fast 5jährige Reha, um wieder auf die Beine zu kommen – was mir glücklicherweise mehr als gut gelang. Seit dieser Zeit beschäftige ich mich sehr viel damit, warum ich so bin, wie ich bin. In der Klinik habe ich mal gesagt, dass mich nervt, dass es für alles ein Buch gibt, um etwas zu verstehen, nur für mein Leben nicht. Heute weiß ich, dass das nicht stimmt. Ich erkenne viele Parallelen zu Asperger und ADS, beim HSP-Test habe ich fast 230 Punkte. Aber ich weiß auch, dass es gar nicht so wichtig ist, welche Diagnose ich habe. Ich nehme die für mich wichtigen Hilfestellungen und nutze sie im Alltag, das macht vieles einfacher. Ansonsten hilft mir Ehrlichkeit (womit ich auch manchmal anecke). Dann sage ich natürlich nicht: „Ich kann da nichts für, ich hab das und das.“, sondern erkläre, warum ich ein Problem mit der Situation habe und dass ich ggf. Unterstützung benötige. Wo das nicht funktioniert, lohnt es sich auch nicht zu bleiben. Das ist manchmal hart (auch für mich), aber belastet mich am Ende weniger.

    Sehr schlimm finde ich die Unterteilung in normal und anders sein. Gerade Menschen mit Asperger scheinen dazu zu neigen. Eigentlich wollen und sollten wir doch anstreben, alle gut miteinander zu funktionieren, oder?

  2. Was für ein Quatsch, sich einerseits kritisch diesen Test gegenüber zu äußern, nur um dann einen Test zu empfehlen, der genauso wischiwaschi ist.
    Übrigens ist es nicht richtig, dass in der Lehrerbildung eine Hochsensibilität kein Thema sei. Natürlich ist die Emotionalität Thema, ein großes sogar. Darunter fallen auch besonders sensible Kinder, allerdings gilt es eben nicht als Störung, sondern als eine von vielen Besonderheiten, die Menschen eben ausmachen können.

    1. Liebe Lea,

      ich würde mir wünschen, Sie läsen den ganzen Artikel aufmerksam. Dort steht u.a. geschrieben:

      Diese Aussage ist mit Vorsicht zu genießen und verhält sich zum zuvor getätigten Hinweis, der Test würde nur Anhaltswerte liefern, kontrovers. Sollte das erzielte Ergebnis über 200 liegen und man hat das Gefühl, Hochsensibilität könnte viele Ungereimtheiten des eigenen Lebens erklären, empfehlen wir die Lektüre des Buchs “Bin ich hochsensibel?” von der Pionieren auf dem Gebiet der Hochsensibilität, der amerikanischen Psychotherapeutin Elaine N. Aron.

      Bezüglich Ihrer Aussage

      Darunter fallen auch besonders sensible Kinder, allerdings gilt es eben nicht als Störung, sondern als eine von vielen Besonderheiten, die Menschen eben ausmachen können.

      möchte ich nochmal hinzufügen und unterstreichen: Hochsensibilität ist keine Störung! Der Unterschied zwischen hochsensiblen und normalsensiblen Menschen liegt in erster Linie in der differenzierteren Wahrnehmung, die man als Besonderheit bezeichnen könnte. Aus der Begrifflichkeit „Hochsensibilität“ zu interpretieren, alle anderen Menschen wären nicht (ausreichend) sensibel, halte ich für falsch und gefährlich.

      Herzliche Grüße

  3. Es gibt Menschen, die sind sensibler als andere. Nichts anderes habe ich gesagt. Im Gegenteil, ich habe betont, dass Hochsensibilität eben keine Störung ist und deswegen auch nicht übermäßig großen Platz im Lehramtsstudium einnimmt.

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