„Ich dachte, meine Eltern hätten mich eingesperrt“

0 Flares 0 Flares ×

Langzeitgedächtnis und Hochsensibilität

Ein häufig genanntes Merkmal bei Hochsensbilität ist ein sehr ausgeprägtes Langzeitgedächtnis. Mit Langzeitgedächtnis ist hier das autobiografische Gedächtnis gemeint. Dieses speichert Erlebnisse, die auf persönliche (autobiografische) Gefühle basieren.

Während eine normalsensible Person in der Regel keine Erinnerung an Erlebnisse vor ihrem 3. Lebensjahr hat, berichten hochsensible Personen immer wieder von frühkindlichen Erinnerungen, die bis zurück ins Babyalter führen.

© muro - Fotolia.com

Elaine N. Aron geht davon aus, dass die Art und Weise der Verarbeitung von Informationen bei hochsensiblen Personen angeboren ist, während bei normalsensiblen Personen die kulturelle Herkunft die Verarbeitung von Informationen beeinflusst und prägt. Weiter gehen Wissenschaftler davon aus, dass normalsensible Menschen sich nicht an Erlebnisse vor ihrem 3. Lebensjahr erinnern können, da sich das Konzept des Gedächtnisses im Laufe der Entwicklung eines normalsensiblen Menschen verändert und im Erwachsenenalter daher die Unterschiede zwischen den früheren Erlebnissen und den jetzigen nicht verstanden und nicht in einen logischen Zusammenhänge gebracht werden können.

Diese Theorie würde zumindest erklären, warum das Langzeitgedächtnis bei hochsensiblen Menschen scheinbar so viel ausgeprägter ist.

Wir haben für Euch ein paar Berichte frühkindlicher Erinnerungen von HSPs gesammelt:


„Ich dachte jahrelang aufgrund einer Erinnerung, meine Eltern hätten mich als ganz kleines Kind in einem dunklen Zimmer eingesperrt – dann jedoch fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Ich habe Erinnerungen an die Zeit, in der ich noch in meinem Gitterbett war und nachts aufgewacht bin. Ich weiß noch, dass alles um mich herum dunkel war als ich aufwachte, und dass ich Gitterstäbe fühlen konnte. Dann öffnete sich eine Tür und jemand hob mich hoch…

Ich weiß noch, wie sich das Holz der Gitterstäbe anfühlte, wie das Licht durch die halb geöffnete Tür fiel und sich mir große Arme entgegenstreckten.“

Tinka, 25


„Ich wurde 1943 geboren. Auf Grund des zerbombten Elternhauses stand mein Gitterbett im elterlichen Schlafzimmer. Ich erinnere mich genau, wie mein Vater eines Abends ohne Hose über das Bett sprang und meine Mutter „Nicht vor dem Jungen!“ zu ihm sagte. Mein Vater entgegnete daraufhin: „Der versteht das doch noch nicht! Der ist doch noch dumm.“ Ich weiß noch genau, wie sehr ich mich darüber geärgert habe, dass ich nicht sagen konnte, dass ich sie sehr wohl verstand. Aber sprechen konnte ich damals noch nicht.“

Bernd, 71


„Im Januar 1981, ich war 2, habe ich den Tag bei meinen Großeltern verbracht. Meine Oma hat Hühnersupper gekocht (diesen Geruch vergesse ich niemals). Sie stand am Herd und ich habe am Küchenboden gespielt. Von dort konnte ich ihr auf die Beine schauen. Sie sahen so anders aus. Sie waren blau. Als ich fragte, warum sie blaue Beine hat, hat sie gesagt, ich soll das nicht sagen. Ab diesem Zeitpunkt weiß ich jede einzelne Sekunde:

Mein Bruder wurde von meinem Opa vom Kindergarten abgeholt. Wir drei aßen die Suppe, mit Zwieback (an den Geschmack erinnere ich mich bis heute). Oma aß nicht mit, sie lag müde auf dem Sofa.

Nachdem Essen haben wir gespielt. Und Oma hat geschlafen. Es war friedlich und schön. Bis Opa meinen Bruder und mich ganz plötzlich zu den Nachbarn gebracht hat. Warum, wussten wir nicht. Bei den Nachbarn sollten wir Fernsehen schauen, aber ich musste immer aus dem Fenster sehen. Es war nebelig und das Blaulicht des Krankenwagens hat den dunklen Nebelhimmel blau gefärbt.

Als wir wieder nach Hause kamen, waren alle traurig. Niemand hat erzählt wo Oma ist. Ich erinnere mich an einen schönen blauen Tag bei meiner Oma! (Für mich ist in meiner Erinnerung alles blau). Vor ein paar Jahren habe ich meinen Eltern von diesen Erinnerungen erzählt. Sie sagen, das wär Quatsch und ich reim mir da was zusammen. Vor dem 3. Lebensjahr hätte man keine Erinnerung. Mein Bruder erinnert sich gar nicht an den Tag (er war 5 Jahre). Heute weiß ich, dass die blauen Beine vom Wasser in ihrer Lunge waren. Sie ist an einem Herzleiden gestorben.

Meine Oma ist für mich in blauer Erinnerung. Es ist ganz merkwürdig, aber meine Gedanken an sie sind einfach immer blau.“

Katrin, 34


„Eine meiner frühsten Kindheitserinnerungen ist die an einen Sommerurlaub mit meiner Familie auf Langeoog. Ich war 2 Jahre alt und ging abends, nach einem langen Nachmittag am Strand, mit meinem 13 Jahre älteren Bruder duschen. Der Duschkopf war an einem langen weißen Kunststoffschlauch befestigt. Ich weiß noch, dass mich das sehr faszinierte, weil ich von Zuhause nur den Metallschlauch kannte. Ich erinnere mich genau, wie mein Bruder mich in den Duschkopf gucken ließ, aus dem plötzlich kein Wasser mehr kam und wie mir in der nächsten Sekunde das Wasser ins Gesicht spritzte. Er wiederholte das Spiel zwei oder dreimal. Und obwohl ich sehr wohl verstanden hatte, dass er das Wasser anhielt, indem er einfach den Kunststoffschlauch knickte, guckte ich immer wieder in den Schlauch und lachte, wenn mir da Wasser erneut entgegen spritzte. Es ist eine sehr liebevolle und emotionale Erinnerung an meinen großen Bruder, der auszog, als ich erst 5 Jahre alt war.“

Pia, 33


Habt Ihr auch frühkindliche Erinnerungen an Erlebnisse, die vor Eurem 3. Geburtstag stattfanden? Dann erzählt uns davon in den Kommentaren oder schreibt darüber in Eurem Blog und teilt mit uns den Link.

Foto: © muro – Fotolia.com
Quellen:

  1. http://de.wikipedia.org/wiki/Ged%C3%A4chtnis
  2. http://www.geistundgegenwart.de/2011/08/die-chemie-in-introvertierten-kopfen-ii.html

(pd)

5 thoughts on “„Ich dachte, meine Eltern hätten mich eingesperrt“

  1. Ich habe einige unspektakuläre Erinnerungen an die Kinderkrippe. Als dramatisch empfand ich als kleiner Stöpsel allerdings immer Kinderarztbesuche: Nicht nur aufgrund des Lärmpegels, sondern vor allem wegen der Hebammenwaage (http://www.antikes2000.de/antikscheune/divers/08/1308030/007.jpg) auf der man immer gelegt wurde, um das Gewicht zu ermitteln. Ich spüre noch heute die Kälte des Metalls in meinem Rücken, wenn ich daran denke. *brrrrrrrrrrrrrr*

    1. Ich habe die gleiche Erinnerung. Meine Eltern glaubten mir nicht, als ich ihnen als Grundschülerin die Babywaage im Kinderambulatorium sowie die Umgebung dazu und meine Empfindungen zum ersten Mal genau beschrieb. Sie konnten sich aber auch nicht erklären, warum alle Beschreibungen zutrafen.

  2. Ich wurde 1977 in Ostberlin geboren. Im Alter von 2 und 3 Jahren musste ich wegen Operationen ins Krankenhaus. Besuche meiner Eltern waren nur an einem Nachmittag in der Woche gestattet. Ich erinnere mich an Episoden, die sich dort abspielten: Einmal fiel meine Kuschelmaus unters Bett und eine Schwester musste darunter kriechen, um sie aufzuheben. Von oben sah ihr Hinterteil wirklich breit aus und ich hab mich darüber lustig gemacht. Ich erinnere mich genauso an die dunklen Nächte dort und das Gefühl des Eingesperrtseins im Gitterbett. Das schlimmste war für mich der Tag, an dem sie mir das Gips entfernten, das Kreischen der Säge, die mir damals riesig erschien. Meine Mutter streitet diese Erinnerungen ab mit dem Argument, in so einem Alter hätte man keine Erinnerung bzw. das hätte mir irgend jemand erzählt. Aber das geht nicht, denn diese Erlebnisse hatte ich, als ich allein war.

  3. Ich erinnere mich an einen Tag in der Kinderkrippe, ich muss knapp zwei gewesen sein und es war im Winter. Ich war krank und wurde deswegen direkt nach Ankunft in der Krippe in ein Gitterbett gelegt. Dieses Bett stand in einem Nebenraum von unserem Gruppenspielzimmer und war dunkel.
    Ich erinnere mich wie die ganze Krippengruppe an meinem Bett vorbei ins Spielzimmer gelaufen ist, einige Kinder guckten in das Bett. Die Erzieherin erklärte den Kindern, dass ich krank bin und darum im Bett läge. Ich erinnere mich vor allem an meine Gefühle, da war so eine tiefe Unzufriedenheit darüber, nicht mit den anderen mitgehen zu können. Ich habe mich wie missverstanden gefühlt und irgendwie hilflos, weil ich mich nicht äußern konnte oder nicht äußerte, dass ich nicht alleine bleiben bzw. mitspielen wollte.

    Das ist die einzige Erinnerung die ich vor meinem dritten Geburtstag habe.

    LG

  4. Ein sehr spannender Artikel! Ich wusste bisher nicht, dass das eine Besonderheit von HSPs sein kann. Ich habe keine bewussten Erinnerungen an die Zeit vor dem Kindergartenalter, aber meine Mann durchaus schon. Wirklich spannend!

Comments are closed.