„Ich dachte, meine Eltern hätten mich eingesperrt“

Langzeitgedächtnis und Hochsensibilität

Ein häufig genanntes Merkmal bei Hochsensbilität ist ein sehr ausgeprägtes Langzeitgedächtnis. Mit Langzeitgedächtnis ist hier das autobiografische Gedächtnis gemeint. Dieses speichert Erlebnisse, die auf persönliche (autobiografische) Gefühle basieren.

Während eine normalsensible Person in der Regel keine Erinnerung an Erlebnisse vor ihrem 3. Lebensjahr hat, berichten hochsensible Personen immer wieder von frühkindlichen Erinnerungen, die bis zurück ins Babyalter führen.

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Elaine N. Aron geht davon aus, dass die Art und Weise der Verarbeitung von Informationen bei hochsensiblen Personen angeboren ist, während bei normalsensiblen Personen die kulturelle Herkunft die Verarbeitung von Informationen beeinflusst und prägt. Weiter gehen Wissenschaftler davon aus, dass normalsensible Menschen sich nicht an Erlebnisse vor ihrem 3. Lebensjahr erinnern können, da sich das Konzept des Gedächtnisses im Laufe der Entwicklung eines normalsensiblen Menschen verändert und im Erwachsenenalter daher die Unterschiede zwischen den früheren Erlebnissen und den jetzigen nicht verstanden und nicht in einen logischen Zusammenhänge gebracht werden können.

Diese Theorie würde zumindest erklären, warum das Langzeitgedächtnis bei hochsensiblen Menschen scheinbar so viel ausgeprägter ist.

Wir haben für Euch ein paar Berichte frühkindlicher Erinnerungen von HSPs gesammelt:


„Ich dachte jahrelang aufgrund einer Erinnerung, meine Eltern hätten mich als ganz kleines Kind in einem dunklen Zimmer eingesperrt – dann jedoch fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Ich habe Erinnerungen an die Zeit, in der ich noch in meinem Gitterbett war und nachts aufgewacht bin. Ich weiß noch, dass alles um mich herum dunkel war als ich aufwachte, und dass ich Gitterstäbe fühlen konnte. Dann öffnete sich eine Tür und jemand hob mich hoch…

Ich weiß noch, wie sich das Holz der Gitterstäbe anfühlte, wie das Licht durch die halb geöffnete Tür fiel und sich mir große Arme entgegenstreckten.“

Tinka, 25


„Ich wurde 1943 geboren. Auf Grund des zerbombten Elternhauses stand mein Gitterbett im elterlichen Schlafzimmer. Ich erinnere mich genau, wie mein Vater eines Abends ohne Hose über das Bett sprang und meine Mutter „Nicht vor dem Jungen!“ zu ihm sagte. Mein Vater entgegnete daraufhin: „Der versteht das doch noch nicht! Der ist doch noch dumm.“ Ich weiß noch genau, wie sehr ich mich darüber geärgert habe, dass ich nicht sagen konnte, dass ich sie sehr wohl verstand. Aber sprechen konnte ich damals noch nicht.“

Bernd, 71


„Im Januar 1981, ich war 2, habe ich den Tag bei meinen Großeltern verbracht. Meine Oma hat Hühnersupper gekocht (diesen Geruch vergesse ich niemals). Sie stand am Herd und ich habe am Küchenboden gespielt. Von dort konnte ich ihr auf die Beine schauen. Sie sahen so anders aus. Sie waren blau. Als ich fragte, warum sie blaue Beine hat, hat sie gesagt, ich soll das nicht sagen. Ab diesem Zeitpunkt weiß ich jede einzelne Sekunde:

Mein Bruder wurde von meinem Opa vom Kindergarten abgeholt. Wir drei aßen die Suppe, mit Zwieback (an den Geschmack erinnere ich mich bis heute). Oma aß nicht mit, sie lag müde auf dem Sofa.

Nachdem Essen haben wir gespielt. Und Oma hat geschlafen. Es war friedlich und schön. Bis Opa meinen Bruder und mich ganz plötzlich zu den Nachbarn gebracht hat. Warum, wussten wir nicht. Bei den Nachbarn sollten wir Fernsehen schauen, aber ich musste immer aus dem Fenster sehen. Es war nebelig und das Blaulicht des Krankenwagens hat den dunklen Nebelhimmel blau gefärbt.

Als wir wieder nach Hause kamen, waren alle traurig. Niemand hat erzählt wo Oma ist. Ich erinnere mich an einen schönen blauen Tag bei meiner Oma! (Für mich ist in meiner Erinnerung alles blau). Vor ein paar Jahren habe ich meinen Eltern von diesen Erinnerungen erzählt. Sie sagen, das wär Quatsch und ich reim mir da was zusammen. Vor dem 3. Lebensjahr hätte man keine Erinnerung. Mein Bruder erinnert sich gar nicht an den Tag (er war 5 Jahre). Heute weiß ich, dass die blauen Beine vom Wasser in ihrer Lunge waren. Sie ist an einem Herzleiden gestorben.

Meine Oma ist für mich in blauer Erinnerung. Es ist ganz merkwürdig, aber meine Gedanken an sie sind einfach immer blau.“

Katrin, 34


„Eine meiner frühsten Kindheitserinnerungen ist die an einen Sommerurlaub mit meiner Familie auf Langeoog. Ich war 2 Jahre alt und ging abends, nach einem langen Nachmittag am Strand, mit meinem 13 Jahre älteren Bruder duschen. Der Duschkopf war an einem langen weißen Kunststoffschlauch befestigt. Ich weiß noch, dass mich das sehr faszinierte, weil ich von Zuhause nur den Metallschlauch kannte. Ich erinnere mich genau, wie mein Bruder mich in den Duschkopf gucken ließ, aus dem plötzlich kein Wasser mehr kam und wie mir in der nächsten Sekunde das Wasser ins Gesicht spritzte. Er wiederholte das Spiel zwei oder dreimal. Und obwohl ich sehr wohl verstanden hatte, dass er das Wasser anhielt, indem er einfach den Kunststoffschlauch knickte, guckte ich immer wieder in den Schlauch und lachte, wenn mir da Wasser erneut entgegen spritzte. Es ist eine sehr liebevolle und emotionale Erinnerung an meinen großen Bruder, der auszog, als ich erst 5 Jahre alt war.“

Pia, 33


Habt Ihr auch frühkindliche Erinnerungen an Erlebnisse, die vor Eurem 3. Geburtstag stattfanden? Dann erzählt uns davon in den Kommentaren oder schreibt darüber in Eurem Blog und teilt mit uns den Link.

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Quellen:

  1. http://de.wikipedia.org/wiki/Ged%C3%A4chtnis
  2. http://www.geistundgegenwart.de/2011/08/die-chemie-in-introvertierten-kopfen-ii.html

(pd)

Hochsensibel? Ein Online-Test ist keine Diagnose

Auf Grund des rasanten Informationsflusses via Internet, TV und anderen Medien, ist Hochsensibilität derzeit scheinbar in aller Munde. Gerade Online-Tests, die auf die Frage „Bin ich hochsensibel?“ abzielen, erfreuen sich großer Beliebtheit.

An dieser Stelle möchten wir darauf hinweisen, dass ein Online-Test keine „Diagnose“ darstellt. Er kann höchstens Aufschluss darüber geben, ob das eigene Verhalten dem einer hochsensiblen Person entspricht. Tests, die auf einfachen Ja/Nein-Fragen basieren, sind zudem sehr oberflächlich und lassen viel Spielraum für eigene Interpretationen.

HSP-Test auf zartbesaitet.netSollte der Verdacht bestehen, möglicherweise hochsensibel zu sein, empfehlen wir den HSP-Test auf der Webseite des österreichischen Vereins „Zart besaitet – Gesellschaft zur Förderung und Pflege der Belange hochempfindlicher Menschen“ als ersten Anhalt. Dort ist zu lesen:

„Vorauszuschicken ist, dass der Test und die gesamte Forschung über hochempfindliche Menschen (HSP) noch in den Kinderschuhen stecken, und keine der hier gemachten Aussagen als autoritär zu verstehen ist. Ein oberflächlicher Test wie der vorliegende kann immer nur Anhaltswerte liefern und ist oft nicht fähig, auf individuelle Konstellationen einzugehen.“

Bei einer Punktzahl von über 188 erhält man bei diesem Test das Ergebnis:

„Sie sind mit an Gewissheit grenzender Sicherheit eine HSP.“

Diese Aussage ist mit Vorsicht zu genießen und verhält sich zum zuvor getätigten Hinweis, der Test würde nur Anhaltswerte liefern, kontrovers.

Sollte das erzielte Ergebnis über 200 liegen und man hat das Gefühl, Hochsensibilität könnte viele Ungereimtheiten des eigenen Lebens erklären, empfehlen wir die Lektüre des Buchs „Bin ich hochsensibel?“ von der Pionieren auf dem Gebiet der Hochsensibilität, der amerikanischen Psychotherapeutin Elaine N. Aron.

Viele tatsächlich Hochsensible Personen reagieren auf die Erkenntnis, dass es eine Erklärung für ihre empfundene Andersartigkeit gibt, überaus emotional, brechen in Tränen aus oder haben das Gefühl, ihnen falle „ein Stein vom Herzen“.

An diesem Punkt angelangt stellt sich die Frage, ob wirklich eine weitere, professionelle Bewertung bzw. Expertenmeinung nötig ist oder ob die Selbsterkenntnis ausreicht, um das eigene Empfinden und die eigene Wahrnehmung besser verstehen und danach handeln zu können.

Hochsensibilität ist keine Krankheit oder psychische Störung. Hochsensibilität bedarf auch keiner Behandlung, wie etwa einer Psychotherapie (anders ist dies natürlich bei psychischen Erkrankungen wie Depressionen, SVV oder Burnout die in Folge einer unerkannten Hochsensibilität auftreten können).

Eine schriftliche Stellungnahme („Diagnose“), etwa durch einen Arzt, einen Psychotherapeuten oder auch durch einen Heilpädagogen, der sich auf das Thema spezialisiert hat, ist meist nur dann nötig, wenn sich Institutionen wie Kindergärten oder Schulen dem Thema Hochsensibiliät versperren und es zu Problemen für das Kind kommt.

Anlauf- und Beratungsstellen für hochsensible Personen und Eltern hochsensibler Kinder sind u.a. auf der Webseite des deutschen Vereins „Informations- und Forschungsverbund Hochsensibilität e.V.“ zusammen getragen.

Abschließend bleib die Frage, was man sich selber von einer offiziellen „Diagnose“ verspricht und ob das Wissen um die Gründe und Auslöser gesellschaftskontroverser Denk- und Verhaltensweisen nicht ausreicht, um den Bedürfnissen des hochsensiblen Kindes bzw. seinen eigenen entsprechend zu leben.

Tipps für den Alltag mit hochsensiblen Kinder

Hochsensibel zu sein ist schon für Erwachsene nicht immer leicht. Wie problematisch muss es dann erst für Kinder sein, die sich noch kaum abgrenzen können! Kinder haben viel damit zu tun, ihre Eindrücke zu verarbeiten. Schließlich entdecken sie ihre Welt gerade erst. Bei HSP-Kindern sind die Wahrnehmungen besonders vielfältig und überwältigen sie schnell.

Darauf reagieren Kinder unterschiedlich. Manche ziehen sich zurück, sind  ängstlich oder introvertiert und meiden zu aufregende Umgebungen. Andere werden aufgedreht und aggressiv und kommen kaum zur Ruhe. Probleme mit der Aufmerksamkeit haben viele HSP-Kinder, vor allem in der lauten, unruhigen Umgebung des Kindergartens oder der Schule.

Im Gegensatz zur Hochbegabung ist Hochsensibilität in der Lehrerausbildung kein Thema. Viele Lehrerinnen oder Erzieherinnen haben von diesem Phänomen noch nie gehört, und das schafft Probleme. Oft wäre es einfach, überreizten Kindern Gutes zu tun, wenn nur die Pädagogen wüssten, was Hochsensibilität ist und wie sie damit umgehen können.

Ein weiteres Problem kommt für hochsensible Kinder spätestens im Grundschulalter dazu: Normalität ist für Kinder und Jugendliche sehr wichtig. Kinder wollen sein wie alle anderen, bevor sie ihre eigene Persönlichkeit entwickeln und als wertvoll entdecken können. Es fällt ihnen schwer, Besonderheiten als positiv wahrzunehmen. Viele versuchen daher, ihre Hochsensibilität zu verstecken und sich wie alle anderen zu verhalten. Dieser Versuch der Selbstverleugnung geht aber, wie viele Hochsensible aus Erfahrung wissen, meist in die Hose.

Bist du Vater oder Mutter eines hochsensiblen Kindes? 

Dann helfen dir meine Tipps vielleicht weiter:

  1. Alle Kinder brauchen Nähe, Rituale und Ruhe-Inseln. Für hochsensible Kinder sind diese noch wichtiger als für andere. Das Vorlesen am Abend, gemeinsame Kuschelstunden, eine abendliche Reflexion des vergangenen Tages… Findet gemeinsam ruhige Rituale, die zu euch passen!
  1. Eine reizreduzierte Umgebung tut besonders hochsensiblen Kindern gut. Im Kinderzimmer wirken geschlossene Schränke ruhiger als Regale, einheitliche Sortierkästen schaffen Ordnung. Auch wenn Kinder es gerne kunterbunt mögen, ist eine gedecktere Wandfarbe beruhigender. Vorsicht mit Spielzeug, das Geräusche macht oder Lichteffekte erzeugt!
  1. Sprich die Erzieherinnen oder Lehrerinnen deines Kindes ruhig auf das Thema Hochsensibilität an! Manchmal ist es ganz einfach, für hochsensible Kinder Ruhepole zu schaffen. Eine verständnisvolle Lehrerin und Erzieherin wird versuchen, gemeinsam mit den Eltern Lösungen zu finden.
  1. Alternative Schul- und Kindergartenkonzepte, zum Beispiel Waldkindergärten, Waldorf- oder Montessorischulen und -kindergärten, achten auf eine ruhige, reizreduzierte Umgebung. Das kann für hochsensible Kinder eine Wohltat sein.
  1. Kinder bekommen sehr viel mit, hochsensible Kinder sowieso! Rechne damit, dass dein Kind „dicke Luft“, Streitigkeiten und Ängste wahrnehmen und darauf reagieren wird. Da Heimlichkeiten Angst machen, ist es bei hochsensiblen Kindern besonders wichtig, offen mit Problemen umzugehen.
  1. Hochsensibilität ist eine Gabe, nicht nur eine Schwierigkeit! Hochsensible Menschen haben wunderbare Fähigkeiten und Talente. Dies zu bemerken und die Besonderheit deines Kindes wertschätzend anzuerkennen, ist vielleicht das Beste, das du ihm mitgeben kannst!

Birgit Oppermann
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